Grutbier = Heilbier!

Das Herzgespann - ein herzberuhigendes altes Bier-Heilkraut
Das Herzgespann - ein herzberuhigendes altes Bier-Heilkraut

Keine Sorge - Heilbier hat nichts mit Hitler zu tun ...

 

Das Wort ist die plumpe Übersetzung von "healing beer", was im Englischen/Amerikanischen für die vergorenen Kräutersäfte im Allgemeinen steht, die bei vielen Naturvölkern Teil der magisch erlebten Welt sind, diese auf besondere Weise erlebbar machen und mit Riten und Zeremonien in den Jahresablauf eingebunden werden.

 

Der sich für "aufgeklärt" haltende Zivilisationsmensch lächelt und dreht an seinem Bierklärungsmechanismus. Doch vor nicht allzulanger Zeit (und für die Anthropologie sind 2000 Jahre ein Klacks) waren auch die Mitteleuropäer noch "indigenous people" - aus der Sicht der damaligen US-Amerikaner ... der Römer nämlich ...

 

Da stand der nordische Ureinwohner und braute mit allem, was ihm die Natur bot und was die Überlieferung und sein Geschmackssinn ihm gut erscheinen ließ.

 

So wie man für den Gin an die 250 verschiedenen Kräuterzutaten (mancher sagt "botanicals" und erzählt von den diesbezüglichen Entdeckungen während seines letzten "sabatticals" ...) mit unendlichen verschiedenen Zusammenstellungen und Mengenverhältnissen kennt, so ist auch die Zahl und die Variation der Bierkräuter in der Grut nicht festzulegen; jeder "Krauter" hatte da seine eigenen Rezepte. Nicht verwunderlich, sondern ganz klar und logisch, dass es fast ausschließlich Heilkräuter waren, die verwendet wurden, um die Haltbarkeit des Bieres zu steigern bzw. seinen Geschmack zu beeinflussen.

 

Im Folgenden liste ich einmal die mir bislang bekannten Bierkräuter auf, die bis ins frühe 16. Jahrhundert für die Grut" verwendet wurden - jene Kräutermischung, die in der Bierwürze gekocht oder anders in den Brauprozess eingebunden wurde. Um einen Irrtum der "Reinheitsgebotsjünger" gleich zu bereinigen ... Der Hopfen war schon immer Bestandteil dieser Grut. Seine frühe Verwendung beim Brauen ist durch einen Fund aus dem 6. Jahrhundert bezeugt.

 

6.Jahrhundert n.Chr.

 

Alemannische Feldflasche aus Ahorn mit Resten eines gehopften Gerstenbieres

(Trossingen, Grab 58)

einheimisch:

 

Andorn

Beifuß

Benediktenkraut

Bitterklee

Brennnessel

Dost (wilder Majoran)

Eberesche (Vogelbeere)

Enzian

Fichte/Rottanne

Gagel

Ginster

Gundermann

Heidekraut

Herzgespann

Hexenkraut

Hopfen

Johanniskraut

Kanadische Goldrute

Koriander

Labkraut

Lorbeer

Mädesüß

Nelkenwurz

Salbeigamander

Spitzwegerich

Tausendguldenkraut

Wermut

Wiesenbärenklau

Wiesenkümmel

Ysop

 

importiert:

 

Ingwer

Pfeffer (schwarz/rot)

aus heutiger Sicht giftig oder gesundheitsschädlich

 

 

Schwarzes Bilsenkraut

Rainfarn

Taumelloch

Stechapfel

Sumpfporst ("Moor-Rosmarin")

Tollkirsche

Fieberklee

Gemeiner Wiesensalbei

Seidelbast

 

 

 

Auch die Schafgarbe soll, einigen Quellen zufolge, wenn in größerer Menge beigegeben, bei den Trinkern Raserei und Tobsucht ausgelöst haben.

 

Einer volksethymologischen Vermutung zufolge wurde das Pilsener nach dem Bilsenkraut ("Pilsenkraut") benannt.

 

Sei dem, wie ihm wolle: die oben aufgeführten Schurken sind für das geschmackstötende Reinheitsgebot verantwortlich, das jedem Kräuterbierbrauer bis heute um die Ohren gehauen wird.


Was bewirkten die Kräuter?

 

 

Für die meisten der positiv erwähnten Kräuter gilt - sie wirken (in Grenzen) antiseptisch und schützten somit das Bier längere Zeit vorm Schlechtwerden. Da Bier früher jedoch das alltägliche Hauptgetränk war, weil es noch kein keimfreies (oder wenigstens keimreduziertes) Trinkwasser gab, musste es nicht Monate lang gelagert werden können. Man bedenke, dass es weder Kronkorken, ja anfangs auch keine gläsernen Bierflaschen, geschweigedenn Edelstahl-Fässer gab. Holzfass, Ton- und Steingutflasche mit Holzpfropf, Krug und "Schleifkanne" mit Deckel, das waren die ersten Lager- und Transportgefäße. Getrunken wurde aus Ton- und Steingutbechern oder Schalen - bei reichen Bürgern auch aus Zinngefäßen und Gläsern.

 

Alle aromatisierenden Kräuter (v.a. Beifuß, Gagel, Koriander, Mädesüß, Labkraut, Salbeigamander, Wermut) dienten freilich zum Würzen. Die meisten waren Kräuter mit großer Bitterkeit und machten das Bier ... bitter! Sehr bitter!

 

Die folgenden speziellen Wirkungsvorstellungen sind mir darüber hinaus bekannt:

 

Gundermann - sollte die Gärung stoppen und die Bierklärung vorantreiben

Die Beeren des giftigen Seidelbasts wurden benutzt, um dem Bier eine schönere Farbe zu geben.

Stechapfel sollte euphorisierend und aphrodisierend wirken.

Das Schwarze Bilsenkraut sollte die berauschende Wirkung des Bieres verstärken.